Pflanzenschutz und Artenvielfalt

Wer wie Landwirte tagtäglich mit und in der Natur arbeitet, dem ist der Arten- und Tierschutz ein Grundanliegen: Landwirte gehen sorgsam mit der Umwelt um, weil sie langfristig etwas ernten möchten. Das geht auf Dauer nur, wenn das ökologische Gleichgewicht gewahrt bleibt. Biodiversität zu erhalten und zu fördern ist für Landwirte gelebte Praxis. Sie stellen sicher, dass Artenvielfalt durch Pflanzenschutz nicht ausgeschlossen, sondern sogar unterstützt wird.

Flächenversiegelung und mehr Produktivität

Die Artenvielfalt wird in Deutschland immer wieder stark diskutiert. Dafür gibt es viele Gründe. Unter anderem hängt es damit zusammen, dass immer mehr Flächen versiegelt werden, beispielsweise um Wohnraum oder Verkehrswege zu schaffen – pro Tag sind es in Deutschland 62 Hektar Fläche oder 90 Fußballfelder. So stehen immer weniger Äcker, Felder und Wiesen für die landwirtschaftliche Produktion zur Verfügung. Und natürlich gehen durch die Versiegelung auch „wilde“ Flächen und Naturraum verloren.

Gleichzeitig steht die globale Landwirtschaft vor der Herausforderung, auf geringer werdender Fläche immer mehr Nahrungsmittel, Futterpflanzen und Energiepflanzen produzieren zu müssen – einer der Gründe, warum integrierter Pflanzenschutz so wichtig ist. Der Spagat zwischen Produktivität und Schutz der Artenvielfalt ist für die Landwirte nicht ohne zusätzliche Mühe zu bewältigen. Er gelingt aber, weil die Bedeutung eines intakten ökologischen Gleichgewichts jedem Landwirt bewusst ist. Die Natur ist der Raum, in dem Landwirtschaft stattfindet – wenn sie leidet, leidet letztendlich auch der Landwirt. Denn die biologische Vielfalt hat auch einen produktionsorientierten Nutzen:

Insekten bestäuben Blüten und sorgen damit auch für den Fortbestand der Nutzpflanzen und gesicherte Ernten.

Letztlich ist die Förderung der Biodiversität eine Aufgabe, die alle angeht. Die Landwirte haben das schon lange erkannt. Was aber tun Landwirte ganz konkret in ihrem Arbeitsalltag für den Erhalt und Schutz der Artenvielfalt? Eine ganze Menge – einige Maßnahmen stellen wir hier vor:

Kleine Inseln oder Säume, Wegböschungen und Straßenränder außerhalb der landwirtschaftlich genutzten Fläche, die sowieso vorhanden – also „eh da“ – sind, um die sich aber normalerweise niemand kümmert bzw. die für die landwirtschaftliche Produktion nicht nutzbar sind, können die Biodiversität fördern. Wenn hier das Gras beispielsweise wachsen darf, entsteht Lebensraum für Insekten. Büsche und Bäume bieten Schutz und Nahrung für viele Tierarten. Wenn Rohböden nicht zugeschüttet werden, eignen sie sich hervorragend für Wildbienen, die in lockerem Boden ihre Niströhren graben. Stellen auf Äckern, die ohnehin regelmäßig vernässen, können hervorragend als Biotope für Amphibien dienen.

Wo viele Steine sowieso die Bodenbearbeitung erschweren, können Steinhaufen als Lebensraum für Reptilien wie Eidechsen, aber auch für Spinnen und Käfer angelegt werden. Schließlich eignen sich „Eh da-Flächen“ auch für das Aufstapeln von Totholzhaufen. Massives Holz in verschiedenen Zerfallsstadien ist Lebensraum vieler Tierarten, vor allem auch der Wildbiene.

Sie sehen hübsch aus und bieten einen unschlagbaren Mehrwert für den Erhalt der Biodiversität: Viele Landwirte legen an Feldrändern Blühstreifen an, indem sie Blüh- oder Kräutermischungen aussäen. Die bunte Farbenpracht bietet Nektar für Schmetterlinge und Bienen. Die Samen sind die Nahrung zahlreicher Vögel. Ebenso wird der Blühstreifen als Wohn- und Nistplatz genutzt. Im Winter schützen die Pflanzen als Isolierschicht im Boden überwinternde Lebewesen vor Kälte und Frost. Ganz praktischen Nutzen bietet der Blühstreifen auch: Dort leben viele Nützlinge, die dem Landwirt als Form des biologischen Pflanzenschutzesbei der Bekämpfung von Schädlingen helfen. Das Anlegen und die Pflege von Blühstreifen ist vergleichsweise wenig aufwändig und wird je nach Bundesland als Agrarumweltmaßnahme sogar gefördert.

Die Feldlerche ist einer der Vögel, die in Deutschland immer seltener werden, weil geeignete Brutplätze fehlen. Lerchen brüten auf dem Boden und suchen sich hierfür Äcker mit lichten Stellen. Auf intensiv genutzten Äckern aber steht das Getreide meist sehr dicht und die Vögel haben hier keinen freien Landeplatz. Zwischen den Halmen ist es dunkel und feucht. Das ist fatal für die Jungenaufzucht, weil hier nur wenig Insektennahrung zu finden ist.

Mit sogenannten Lerchenfenstern schaffen Landwirte Brutraum für die Feldlerche, indem sie innerhalb ihrer Felder kleine Flächen von wenigen Quadratmetern ohne dichten Kulturpflanzenbestand anlegen. Das Anlegen der Lerchenfenster geht ganz einfach: Bei der Saat wird die Sämaschine einfach für einige Meter angehoben, sodass eine nicht gesäte Freifläche von ungefähr 20 Quadratmeter entsteht. Zwei Lerchenfenster pro Hektar reichen für die Tiere aus und der Ernteausfall auf diesen 20 Quadratmetern ist minimal. Von den Rettungsinseln im Acker profitieren übrigens auch andere bedrohte Tierarten, etwa das Rebhuhn oder der Feldhase.

Die “Eh da-Flächen” eignen sich ideal, um Rohbodenbiotope, Holzlegen und Lesesteinhaufen anzulegen. Wo viele Steine sowieso die Bodenbearbeitung erschweren, können sogenannte Lesesteinhaufen als Lebensraum für wärmeliebende Kleintiere wie Eidechsen, aber auch für Spinnen und Käfer angelegt werden. Lesesteinhaufen dienen beispielsweise als Sonnenplatz, Versteck, Überwinterungs- oder Eiablageplatz. Sie erfüllen ihren Zweck allerdings nur, wenn sie nicht von der Vegetation überwuchert werden. Ähnliches gilt auch für das Aufstapeln von massivem Holz in verschiedenen Zerfallsstadien. Alt- oder Totholz ist Lebensraum vieler Tierarten, vor allem auch der Wildbiene. Die Holzlegen werden besonders gut besiedelt, wenn sie sonnenbeschienen sind.

Der Kiebitz gehört in Deutschland zu den streng geschützten Vogelarten. Er brütet auf offenen, gut überschaubaren Flächen. Sein natürlicher Lebensraum sind die fast verschwundenen Feuchtwiesen. Ersatz sucht er in Feldkulturen. Eine Möglichkeit, ihn zu schützen und zu fördern, ist, eine „Insel“ im Feld rund um sein Nest herum nicht zu bearbeiten, sodass er ungestört brüten kann. Die Praxis zeigt, dass manche Brutpaare auch auf landwirtschaftlich genutzten Flächen bleiben, um die Brut erfolgreich aufzuziehen.

Eine Käferbank, auch Beetle bank genannt, ist ein schmaler Wall aus aufgeworfener Ackererde, der an Feldrändern um eine oder mehrere Kulturen herum angelegt wird. Diese zwei bis vier Meter breiten und etwa 40 Zentimeter hohen Wälle werden mit einer speziellen Grasmischung eingesät. Durch die Struktur der Wälle, mit einer windabgewandten und einer windzugewandten Seite, kann sich dann ein besonders günstiges Mikroklima entwickeln, das die vermehrte Ansiedlung von Insekten fördert. So wird beispielsweise Lebensraum für den Laufkäfer geschaffen, der wiederum einen Beitrag zum biologischen Pflanzenschutzleistet, indem er Blattläuse frisst.

Wenn Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden, gelangt ein gewisser Teil auch auf den Boden. Gebunden an Bodenpartikel oder gelöst in Wasser können sie so vom Feld geschwemmt werden und beispielsweise in Bäche gelangen. Um diese Oberflächenabschwemmung zu vermeiden, bieten sich bewachsene Streifen am Feldrand an, die das ablaufende Wasser auffangen. So versickert es im Boden und die Pflanzenschutzmittel werden abgebaut. Vor erwarteten Regenfällen wird kein Pflanzenschutzmittel ausgebracht.

Auch die Abdrift, also das Abtreiben von Pflanzenschutzmitteln durch Wind, kann verringert werden. Dafür muss der Landwirt beispielsweise die Windgeschwindigkeit beachten und entsprechende Technik einsetzen. Ganz generell gelten beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln klare Vorgaben an die Technik, die Maschinen und das Vorgehen des Landwirts, damit überhaupt so wenig Pflanzenschutzmittel wie möglich in Boden und Gewässer gelangen können. Dazu gehören unter anderem auch der Einsatz von Randdüsen, mit denen die Behandlung an Feldrändern vermieden werden kann.

Geförderte Maßnahmen der EU

Neben diesen zumindest teilweise freiwilligen Maßnahmen gibt es seit 2015 EU-weite Vorgaben zum Schutz der Artenvielfalt – die sogenannten Greening-Maßnahmen, die für Betriebe ab einer gewissen Größe verpflichtend sind. Landwirte müssen verschiedene Kulturen und Zwischenfrüchte anbauen, damit der Boden sich erholen kann. Außerdem müssen sie Schutzgebiete auf ihrem Land erhalten und bestimmte Flächen als „ökologische Vorrangflächen“ ausweisen. Auf diesen Flächen kann die Natur sich ausbreiten.

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