Pflanzenschutzmittel: Sicherheit steht an erster Stelle

STRENGSTE AUFLAGEN FÜR ENTWICKLUNG, ZULASSUNG UND NUTZUNG

Ein Großteil der Verbraucher hat Angst vor Pflanzenschutzmittelrückständen in Lebensmitteln – das belegen Umfragen regelmäßig. Dabei sind unsere Lebensmittel sicher wie nie: In Europa sind die Standards für Entwicklung, Zulassung und Nutzung von Pflanzenschutzmitteln weltweit am strengsten. In unserem Faktencheck erklären wir den langen Weg eines Pflanzenschutzmittels vom Labor auf die Felder – inklusive der vielfältigen Kontrollen und Regulierungen.

 

Am Anfang steht die Forschung: Die Pflanzenmedizin ist immer auf der Suche nach neuen Wirkstoffen und innovativen Lösungen. Pflanzen gesund zu erhalten, bedeutet letztlich, den Menschen gesund zu erhalten. Bedingt durch verschiedenste Faktoren wie unter anderem die Globalisierung oder den Klimawandel treten ständig neue, bislang unbekannte Pflanzenkrankheiten auf. Neue Schädlinge wandern ein, bekannte Schädlinge und Unkräuter entwickeln sich weiter und werden resistent gegen bisherige Schutzmaßnahmen. Für die Pflanzenmediziner bedeutet das, permanent neue Wirkstoffe und bessere Produkte entwickeln zu müssen. Und das ist keine Sache von wenigen Wochen oder Monaten, sondern von vielen Jahren.

MEHR ALS 100.000 LABOREINSÄTZE

Pflanzenschutzmittel sind ähnlich streng reguliert wie Arzneimittel. Sie gehören zu den am besten untersuchten Chemikalien weltweit. Ihre Wirkstoffe müssen europaweit umfassend geprüft und auf ihre Auswirkungen auf Pflanze, Umwelt und Mensch getestet werden, bevor sie auf den Markt kommen dürfen. Und diese Prüfung, an der diverse europäische und nationale Behörden beteiligt sind, dauert. Alle Wirkstoffe durchlaufen ein intensives Auswahlverfahren – vom Labor bis zum Freilandversuch. Im Durchschnitt braucht es weit mehr als 100.000 Laboreinsätze und dauert zwölf Jahre, bis ein einziger neuer Pflanzenschutzwirkstoff für den Markt zugelassen wird.

Das resultiert in einer weiteren beeindruckenden Zahl: Nur einer von 160.000 getesteten Wirkstoffen erhält durchschnittlich die Genehmigung zum Einsatz. Die Wirkstoffforschung und -entwicklung ist zudem mit hohen Kosten verbunden. Rund 250 Millionen Euro fließen in die Entwicklung eines neuen Produkts. Während es immer mehr und neue Schädlinge, Krankheitserreger und Unkräuter gibt, wird die Zahl der Unternehmen, die in diesem Bereich forschen, immer kleiner. Heute gibt die Pflanzenschutzmittelindustrie im Schnitt mehr als zehn Prozent ihres Umsatzes für Forschungsaktivitäten aus – und damit mehr als die Automobilindustrie (7,7 Prozent) und fast so viel wie die Pharmaindustrie (13,6 Prozent).

SO LAUFEN ZULASSUNG UND KONTROLLEN VON PFLANZENSCHUTZMITTELN

Aber wer genau entscheidet, ob ein Pflanzenschutzmittel sicher genug ist, um auf den Markt zu kommen? Auf EU-Ebene ist das die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Für die Umsetzung der europäischen Vorgaben auf nationaler Ebene ist das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) zuständig, das als Zulassungsstelle für Pflanzenschutzmittel eine zentrale Rolle spielt. Um in Zulassungsfragen entscheiden zu können, ist das BVL zusätzlich auf die Unterstützung durch drei weitere deutsche Behörden angewiesen: Das Julius Kühn-Institut (JKI) prüft, ob der Wirkstoff so auf Unkräuter, Krankheiten oder Schädlingsbefall an der zu schützenden Pflanze wirkt, wie er soll. Das Umweltbundesamt (UBA) prüft, ob der Wirkstoff möglicherweise unerwünschte Auswirkungen auf die Umwelt – also Gewässer, Boden, Luft, das Ökosystem und die biologische Vielfalt – hat. Und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) prüft die Auswirkungen auf den Menschen und ob durch Rückstände in Lebensmitteln Gesundheitsrisiken entstehen könnten.

Besteht ein Wirkstoff diese umfassenden Prüfungen und ist als zugelassenes Pflanzenschutz-Produkt auf dem Markt, bedeutet das keineswegs das Ende der Kontrollen. Die Bewertung und Überwachung von Lebensmitteln ist auf nationaler wie europäischer Ebene lückenlos organisiert und umfasst die gesamte Lebensmittelkette – vom Erzeuger bis zur Ware im Supermarktregal.

Die Landwirte werden durch unangemeldete behördliche Betriebskontrollen überprüft. Auch hierfür ist das BVL zuständig. Dessen Mitarbeiter kontrollieren beispielsweise, ob die eingesetzten Pflanzenschutzgeräte frei von Mängeln sind, ob die richtigen Mittel korrekt dosiert zur Anwendung kommen, oder ob die Landwirte einen gültigen Sachkundenachweis besitzen. Denn für die Nutzung von Pflanzenschutzmitteln brauchen Anwender im landwirtschaftlichen Bereich eine Art „Führerschein“: Sie sind gesetzlich verpflichtet, ihr Know-how immer auf dem neusten Stand zu halten und alle drei Jahre Fortbildungen zu besuchen, um ihre Sachkunde im Umgang mit Pflanzenschutzmitteln nachweisen zu können. Im aktuellen Jahresbericht des Pflanzenschutz-Kontrollprogramms (2017) schnitten die überprüften Landwirte sehr gut ab:

  • 98,1 Prozent hatten den nötigen Sachkundenachweis
  • 98,1 Prozent der kontrollierten Pflanzenschutzgeräte waren frei von Mängeln
  • 96,5 Prozent hielten die Anwendungsgebiete ein

Lebensmittel werden in den Laboren der Verarbeitungsunternehmen, des Handels und der amtlichen Lebensmittelüberwachung außerdem „bis ins Molekül“ durchleuchtet. Beanstandete Ware gelangt in der Regel gar nicht erst in die Supermarkt-Regale. Ein bundesweites Lebensmittel-Monitoring prüft darüber hinaus regelmäßig Lebensmittel auf Pflanzenschutzmittelrückstände.

RÜCKSTÄNDE SIND NICHT GENERELL GEFÄHRLICH

Laut Verbrauchermonitor, einer regelmäßigen Befragung durch das Bundesinstitut für Risikobewertung, sehen Verbraucher Pflanzenschutzmittelrückstände als eines der größten gesundheitlichen Risiken überhaupt. Das liegt daran, dass viele Verbraucher glauben, Lebensmittel dürften grundsätzlich keine Pflanzenschutzmittelrückstände enthalten und Rückstände würden immer eine Gesundheitsgefahr bedeuten. Das ist eine falsche Annahme.

Innerhalb sehr strikter Grenzen sind Pflanzenschutzmittelrückstände in Lebensmitteln zulässig und nach modernstem Wissenstand gesundheitlich vollkommen unbedenklich. Diese Grenzwerte werden europaweit einzeln für jeden Wirkstoff festgelegt und beinhalten immer einen großen Sicherheitspuffer: Sie müssen um ein Hundertfaches die Dosis unterschreiten, bei der die empfindlichste getestete Tierart eine messbare Reaktion zeigte. Übertragen auf den Straßenverkehr würde das bedeuten:

Wenn ein Fahrer mit 100 km/h unterwegs ist, müsste der Fahrer hinter ihm einen Sicherheitsabstand von fünf Kilometern einhalten.

Für die Umweltchemiker der Pflanzenschutzmittelindustrie ist es überhaupt kein Problem, solche minimalen Rückstandsgehalte zu messen und nachzuweisen: Sie sind es gewohnt, im Nano- und Pikogrammbereich zu arbeiten. Auf diesem Niveau ließe sich sogar ein einziges Stück Würfelzucker mit einem Gewicht von drei Gramm im Wasser des Bodensees (48 Billionen Liter) nachweisen.

Wie bei so vielen anderen Stoffen gilt auch im Fall von Pflanzenschutzmitteln: Die Dosis macht das Gift. Auch Koffein, Zucker oder Fett können ab einer gewissen Dosis für den Menschen gefährlich werden. So ist es auch bei Rückständen von Pflanzenschutzmitteln – und diese Dosis wird so gut wie nie erreicht.

KEINE GEFAHR DURCH GLYPHOSAT IM BIER

Im Jahr 2017 wurden bei 98,9 Prozent der Lebensmittelproben keine Überschreitungen der Rückstandshöchstgehalte festgestellt (BVL-Lebensmittelüberwachung). Aufgrund des hohen Sicherheitspuffers, der bei der Festlegung der Höchstgehalte gilt, sind auch diese geringfügigen Überschreitungen noch vollkommen ungefährlich. „Überschrittene Höchstwerte sind nicht gleichbedeutend mit einer Gesundheitsgefahr“, stellt das BVL klar.

Ein anschauliches Beispiel: 2016 meldete eine Studie Glyphosat-Rückstände in den 14 beliebtesten deutschen Biersorten. Müssen deutsche Verbraucher deswegen auf Bier verzichten? Natürlich nicht: Die gefundene Menge an Glyphosat-Rückständen im Bier war so gering, dass es erst ab einem täglichen Bierkonsum von 1000 Litern gesundheitlich bedenklich würde. Und wer so viel Bier trinkt, würde eher an der Flüssigkeit- und Alkoholmenge als an den Pflanzenschutzmittel-Rückständen sterben.

Übrigens: Die häufigsten Gründe für Rückrufe von Lebensmitteln und damit die größten Sicherheitsrisiken sind:

  • Verunreinigungen mit Mikroorganismen wie Campylobacter-Bakterien, die Durchfall auslösen
  •  Verunreinigungen mit Glassplittern oder Metallabrieb aus der Herstellung.

Aktuelles

Bestanden! BVL stellt Landwirten ein gutes Zeugnis aus

Unter Federführung des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) erfolgt in Deutschland eine engmaschige amtliche Lebensmittelüberwachung. Das BVL legt die Ergebnisse in seinen „Berichten zur Lebensmittelsicherheit“ öffentlich vor.

Statement

Sichere Ernte. Sichere und gesunde Lebensmittel. Nur erreichbar mit intelligentem Pflanzenschutz. […]

Martin Lieser, Agraringenieur Dipl. Ing.